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Chronik Unter-Widdersheim PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Maxi Rohrbach   
Freitag, den 06. November 2009 um 23:50 Uhr

Wer nicht von 2000 Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben
Der wird ewig im Dunkeln bleiben
Mag von Tag zu Tage leben.

Goethe

Unser Dorf hat eine Vergangenheit - unser Dorf hat Zukunft

Die Geschichte des Dorfes Unter Widdersheim, das in südlicher Richtung am Rande des Vogelsberges liegt, beginnt schon weit in vorchristlicher Zeit. Ein seltener und wertvoller Zeuge aus der Siedlungszeit um etwas 4000 v.Chr., der Megalithkultur (Jungsteinzeit), ist der "Kindstein". Die Bedeutung solcher Steine ist auch bei Fachleuten noch umstritten. Möglich ist, dass dieser Stein Teil eines Steinkreises, ein Platz kultischer Handlungen oder ein steinzeitliches Grab gewesen ist. Da Phonolithgestein an diesem Standort nicht vorkommt, muss es einige Kilometer weit transportiert worden sein.

Die Megalithkultur, eine jungsteinzeitliche Epoche, hat in der Wetterau viele großartige Grabdenkmäler hinterlassen. Oft sind nur einzelne stumme Zeugen unzerstört vorhanden.

Der "Kindstein" ist ein Phonolithgestein, das auch als "Klingstein" bezeichnet wird. Platten aus diesem Gestein geben beim Anschlag einen hellen Klang von sich. Was liegt näher, als dass im Laufe der Jahrhunderte daraus die Sage entstand, man hört darin die kleinen Kinder schreien, im "Klingstein" oder "Kindstein".

Wie bei vielen Kultstätten standen bis vor wenigen Jahrzehnten noch alte Eichen in der näheren Umgebung des Kindsteins. Dort war der "Säuplatz", wohin der Schweinehirt die Schweine des Dorfes zum Eichelfressen trieb. Diese Eichen sind leider dem Neubaugebiet zum Opfer gefallen.

Zu Zeiten der Römer taucht Unter Widdersheim im Zusammenhang mit dem Bau des Limes in der Geschichtsschreibung auf. Der Limes, den die Römer um 85 bis 155 nach Chr. bauten, sollte ihre nördlichste Provinz absichern. Er umschloss die fruchtbare Wetterau und war 555 km lang. Ein Teil des Limes verlief von Inheiden entlang der Horloff in Richtung Echzell. Auf dem Basalthügel "Massohl" befand sich ein Kleinkastell mit einer guten Sicht über das Gelände, von dem aus der Limes schnell zu erreichen war. Ebenso befand sich ein Kleinkastell mit einem Wachturm auf "der Burg". Die Pfahlgräben entlang des Limes sind leider durch Ackerbau verschwunden.

Die erste urkundliche Erwähnung über das Dorf "Niedyrn-Wetridesheim" finden wir Anno 1260. Damals gehörte es zur Fuldischen Mark. Ab 1325 herrschte der Graf von Ziegenhain über Unter Widdersheim und später der Graf Johann I von Nidda.
Mit der Fuldischen Mark wechselte auch jedesmal Unter Widdersheim die Herrscher. Um 1423 gehörte es zum Besitz des Grafen Philipp von Nassau und 1570 dem Landgrafen Ludwig I von Hessen-Darmstadt.

Obwohl "Kirchweg" und die Flurbezeichnung "Kirchberg" es vermuten lassen könnten, scheint der Ort Unter Widdersheim nicht über eine Kirche verfügt zu haben, viel mehr gingen die Bewohner zur Kirche nach Ober Widdersheim.
1528 wurde auch in Unter Widdersheim die Reformation eingeführt. Pfarrer Pankreatius Chelius hielt am 29.09.1528 den ersten Gottesdienst nach der neuen Ordnung.
Von 1561 bis 1590 war ein damals bedeutender Geistlicher und Verfechter der lutherischen Lehre - Johannes Chelius - Pfarrer in Widdersheim. Seinem Einfluß sind sicherlich die sonst an Bauernhäuser nicht üblichen lateinischen Inschriften zuzuschreiben.
An der Kirche in Ober-Widdersheim ist ein kleines Denkmal an die Familie Chelius in Form eines aufgeschlagenen Buches aus Marmor aufgestellt.

Als im 15. und 16. Jahrhundert die Hexenverfolgung begann, blieb sicher auch unser Dorf nicht verschont. Die heftigsten Hexenverfolgungen in Oberhessen waren zwischen 1596 - 1598. Aus allen Ämtern des Landes wurden Verdächtige meist nach Marburg in Haft gebracht. Ganz besonders tat sich dabei Georg Nigrinus hervor; Superintendent für Echzell, Nidda, Alsfeld und Umgebung. Der 30jährige Krieg (von 1618-1648) zog mit Mord, Raub und Brandschatzung auch über die Gemeinde Unter-Widdersheim hinweg. Allerdings waren die kaiserlichen Soldaten, die 1634 das Dorf heimsuchten, die schrecklichsten Mordbrenner.
Damit nicht genug! Weiteres Leid hatten die Bauern zu ertragen: Die Landgrafen Philipp von Hessen-Butzbach und Georg II von Hessen-Darmstadt pflegten ihre Jagden in der Fuldischen Mark zwischen der Nidda und der Horloff und im Vogelsberg vom Taufstein bis nach Nidda abzuhalten. Dabei mußten die Bauern als Treiber Dienste leisten.
Ohne Rücksicht auf die bestellten Felder verwüstete die Jagdgesellschaft manche Ernte. Eine solche Jagd finden wir bildlich dargestellt vom "Hofberichterstatter" Valentin Wagner in der "Niddaer Sauhatz" von 1633.

Während dieser Zeit ging es den Bewohnern sehr schlecht. Viele flüchteten in die befestigten Ortschaften Nidda und Stornfels. Diese beiden Orte konnten auch der Belagerung und Besetzung standhalten. Doch nachdem die Soldaten abgezogen waren, zog die Pest über das Land und brachte viel Leid und Elend über die Menschen.
Damals sollen, so wird berichtet, nur 3 (!) Einwohner von Unter Widdersheim diese Schrecken überlebt haben.
Dem widersprechen allerdings Belege über Steuereinnahmen (im Archiv Nidda), denen man entnehmen kann, daß der Ort sehr bald danach zu einer gewissen Wohlhabenheit gekommen sein muß, so daß es sicherlich mehr steuerzahlende Bürger in Unter Widdersheim gab.

Im Jahr 1700 erhielt der Unter Widdersheimer Johann Georg Maldfeld die Genehmigung zum Betrieb einer "Hafermeelmühl". Diese befand sich in dem Haus am "Massolgraben", heute "Am Klappersberg 1".
1702 ließ Georg Maldfeld neben dem Wohnhaus eine Scheune errichten.

Eine Flurkarte aus dem Jahre 1703 zeigt den alten Ortskern, der zu dieser Zeit aus 20 Gehöften bestand. Eine solche Flurkarte (die von Hand gezeichnet wurde) in Auftrag zu geben, bezeugt die Wohlhabenheit und Bedeutung des Auftraggebers.

Hatte Unter-Widdersheim bis 1820 verwaltungsmäßig zum Amt Stornfels gehört, während die Amtsgeschäfte in Schotten erledigt wurden, so kam es 1821 zum Landratbezirk Nidda - ab 1832 Kreis Nidda. (1874 wurde der Kreis Nidda aufgelöst und Unter Widdersheim kam zum Kreis Büdingen).
In unserem Dorf waren inzwischen Handwerker angesiedelt - so gab es unter anderem 1848 einen Schuhmacher, Becker Georg, einen Viehschneider, Habermehl, und einen Grobschmied, Schäfer Johannes. 1848/49 wird der Gasthof "Deutscher Hof" erwähnt. 1851 meldete Johannes Schäfer XII als Gewerbe "Leineweber" an.
Als Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts mit seinen Soldaten durch Europa zog, kam auch manche Soldatenschar durch Unter-Widdersheim. Die 4 französischen Musketen, die sie zurückließen und die dies bezeugen könnten, sind 1972 aus dem Schulhaus verschwunden. Die Bevölkerung mußte große Opfer bringen, um die Kriegskostenrechnungen der Gemeinde zu bezahlen. Landgraf Ernst Ludwig von Hessen tat alles Erdenkliche, um die Lasten gleichmäßig über sein Land zu verteilen.

Im Jahre 1873 erbauten sich die Unter-Widdersheimer in Gemeinschaftsarbeit ein Schulgebäude, welches als einklassige Volksschule betrieben wurde.
1882 schickte die Verwaltung aus Büdingen an den damaligen Bürgermeister Schneider einen Fragebogen, worin u.a. nach historischen Gebäuden, insbesondere Fachwerk und sonstigen erhaltenswerten Bauten gefragt wird. Der Bürgermeister beantwortet diese Frage mit "nicht vorhanden", obwohl seinerzeit wie auch heute fast alle Fachwerkhäuser und Scheunen des alten Ortskernes noch erhalten sind. Allerdings erwähnt er den "Kindstein" und eine damit verbundene Sage.

Die erste Flurbereinigung erfolgte im Jahre 1909. Bald darauf begann man mit dem Bau der Ortskanalisation und der Wasserleitung. Danach folgte der Ausbau des elektrischen Ortsnetzes.
Um das Jahr 1935 etwa baute sich die Gemeinde ein Backhaus. Darin wurde bis in die 50-er Jahre regelmäßig gebacken. Die Reihenfolge und wer das Anheizen besorgen mußte, wurde ausgelost. Eine Backordnung aus dem Jahre 18xx (im Archiv Nidda) legte genau fest, wie das Backen im Backhaus zu erfolgen hatte. Die Bequemlichkeit des elektrischen Ofens ließ das Backen im Backhaus langsam einschlafen.
Seit 1983 gibt es statt dessen ein jährliches "Backhausfest", an welchem die Landfrauen 2 Tage lang Brot und Blechkuchen backen.

2 Weltkriege kosteten 32 Unter-Widdersheimern das Leben. Zu ihrem Gedenken steht auf dem Friedhof ein Mahnmal, errichtet 1962, außerdem steht auf diesem Friedhof ein Naturdenkmal - eine etwa 250 Jahre alte Linde.
Unmittelbare Kriegshandlungen fanden während der beiden Weltkriege in Unter-Widdersheim nicht statt, doch die Auswirkungen der Katastrophe waren überall spürbar: Arbeitslosigkeit, Armut, Flüchtlinge und liebe Menschen, die vermißt oder tot waren.

Die gemeinsame Not forderte die Menschen auf, gemeinsam Probleme zu bewältigen. Bereits 4 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges (1949) wurden wieder, trotz geringen Steueraufkommens, größere kommunale Investitionen durchgeführt. In Gemeinschaftsarbeit wurde 1949 der Löschteich im Massolgraben hergestellt, 1957 wurden die Ortsstraßen ausgebaut (leider wurde dabei auch der in der Mitte des alten Ortskernes befindliche Gemeindebrunnen aus Sandstein zerstört und zugeschüttet).

Dem allgemeinen Trend folgend wurden auch die meisten "Balkenhäuser", d.h. das freiliegende Fachwerk, verputzt oder verschindelt (verschandelt). 1961 wurde in Gemeinschaftsarbeit der Kinderspielplatz und eine Gemeinschafts-Gefrieranlage errichtet. 1962 begann die Erschließung zum Neubaugebiet im Gewann "In den Betten".

1964 gab es für die Gemeinde und die Bevölkerung einen großen finanziellen Aufschwung, denn seit dieser Zeit gibt es einen Basaltsteinbruch.

Noch vor der Gemeindezusammenlegung (1972) begann die Erschließung des Neubaugebietes "Im Loch" mit 29 Bauplätzen, so daß die Einwohnerzahl geringfügig anstieg. Bedingt durch die Modellplanung der Landesregierung erfolgte am 1.10.1972 die Aufgabe der Selbständigkeit von Unter Widdersheim. An diesem Tage wurde das Dorf der 17. Stadtteil von Nidda. Im gleichen Jahr wurde die einklassige Grund- und Hauptschule, die seit 1882 bestand, aufgelöst. Diese und so manche andere Entwicklung in der jüngsten Geschichte kann mit einem lachenden und einem weinenden Auge gesehen werden, so die Ansiedlung von Industrie, das Verschwinden des Lebensmittelgeschäftes, der Verlust der kommunalen Selbständigkeit.

Gab es in den 70er Jahren noch 15 landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe, so sind es heute nur noch 4 aktive Landwirte. War seinerzeit der Basaltsteinbruch Hauptarbeitgeber, so sind heute nur noch 26 Unter- und 44 Ober Widdersheimer dort beschäftigt (inkl. Verwaltung).
Viele Einwohner gehen von hier aus einer Beschäftigung in den Ballungsräumen Gießen und Frankfurt nach.

Dem Gemeinschaftssinn der Unter Widdersheimer ist es zu verdanken, daß 1992 mit vielen Eigenleistungen aus dem alten Schulhaus das heutige Dorfgemeinschaftshaus entstand. Ebenso kam die Erweiterung des Feuerwehrgerätehauses zustande.

Von der Lebendigkeit des Ortes zeugt ein reges Vereinsleben. Außer dem Männergesangverein, der Freiwilligen Feuerwehr und den Landfrauen gibt es noch 7 weitere Vereine. Deren Aktivitäten erstrecken sich auf die Wahrnehmung vieler öffentlicher Aufgaben und gehen weit über das interne Vereinsleben hinaus. Dies sind auch Angebote für Neubürger, die sich auf diese Weise gut integrieren können und so eine Bereicherung für den Ort bzw. die Vereine darstellen.

Eine für Unter Widdersheim (und auch Ober Widdersheim) besondere Problematik bedeutet der Steinbruchbetrieb, der inzwischen eine Dimension erreicht hat, die die Entwicklung der Siedlungsflächen für das Dorf stark einschränkt. Obstbaumwiesen und große Waldflächen sind ihm zum Opfer gefallen. Die Landschaft wird nachhaltig verändert und eine Rekultivierung kann Jahrzehnte dauern, wenn sie denn überhaupt stattfindet!
Von fragwürdiger Bedeutung ist die Idee einer Freizeit- und Seenlandschaft, die daraus entstehen soll. Die betroffenen Bürger sind in die Diskussion um diese Pläne nicht einbezogen!

Die Geschichte Unter Widdersheims, die uns die Entwicklung über Jahrhunderte lebendig werden läßt bis zur Gegenwart, wirft letztendlich die Frage auf:

Hat unser Dorf eine Zukunft?

Mit einem Zitat des schwäbischen Dichters Thaddäus Troll möchte ich darauf antworten:

"Saget net immer, dass es Gottes Wille isch
und lasset's geschehe!
Schicksal kann 'mer au' mache

 

Maxi Rohrbach

Unter Widdersheim, im Juni 2009

 

Flurkarte Unter-Widdersheim von 1703

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 15. Januar 2010 um 18:44 Uhr
 
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